So war der Digitaltag 2020 in der SLB

Liebe Schreiberlinge,

Wir haben gemeinsam eine Kurzgeschichte geschrieben. Dazu haben wir gleichzeitig ein Online-Textdokument (per Edupad) genutzt und dabei in Echtzeit gesehen, wie sich die Geschichte entwickelt. Danke für Eure Teilnahme und diese ziemlich einmalige Geschichte! ;-)
Auch wenn es vermutlich nicht ganz für den Literaturnobelpreis reichen wird: Es ist eine Kurzgeschichte mit knapp 1700 Wörtern entstanden und vor allem:
Das gemeinsame Schreiben hat großen Spaß gemacht.
Vielen Dank an Renate, Sophie, Udo, Anne x2, Steffi, Rapunzel und 11 unbenannte Autoren!

Viele Grüße
Niko Schachner, SLB Potsdam

Die Geschichte zum Nachlesen


Das Rezept

Schweißgebadet schrecke ich mitten in der Nacht auf, nachdem mein Computer ein unheimliches grünes Licht ausstrahlt und mich mit einem Dauer-Signalton weckt.
Anscheinend hat sich der PC schon wieder mit dem Wecker abgesprochen und mich diesmal 2 Stunden zu früh geweckt. Es ist vier Uhr morgens.

Diese neuen Entwicklungen in den Bereichen Smart Home machen mich noch ganz fertig.
„Musss man den alles mit einer Künstlichen Intelligenz ausstatten!” denke ich mir.
"Und als ob das nicht reichen würde, müssen neuerdings auch noch diese neuartigen „Humor-Algorithmen“ dazukommen..."
Ich schreie den PC an: "Blödes Teil!!!"
Dann schäle ich mich aus dem Bett und schwanke in Richtung PC.
Auf dem Bildschirm steht in dicken fetten Lettern:
“Ich möchte Dir etwas zeigen, was Dein Leben verändern wird.”

Vom Ehrgeiz gepackt

Ok, was solls, wach bin ich sowieso und ein bisschen neugierig auch. Vielleicht schlägt er mir ja vor sich selbst abzuschaffen.
Mein Leben könnte durchaus etwas Veränderung brauchen. Ziemlich eingefahren diese Routine. Neuer Job? Neues Leben? Wegziehen…
Naja, an was man eben morgens um vier Uhr so denkt. Mein jetziger Job hat auf jeden Fall ein gewisses Nervpotential, vor allem wenn einen der PC Stunden zu früh weckt...
“Na, dann zeig mal her...” grummele ich.
Was ich auf dem Bildschirm sehe, ist ein Rezept. Viele exotische Zutaten und kein Hinweis darauf, was diese zusammen ergeben werden. Nur der Hinweis nach der Auflistung der Zutaten bringt mich dazu, überhaupt näher über das Ganze nachzudenken: “Ich möchte Dir etwas zeigen, was Dein Leben verändern wird.”
Soll ich es ausprobieren, soll ich nicht?!
Aber wo kriege ich den Kram mitten in der Nacht her?
Auf dem flachen Land in Brandenburg gibt's keinen Späti!
Innerlich grinsend habe ich plötzlich das Gefühl, dass alles sich fügen würde. Ich betrachte das Ganze als meine eigene Challenge. Ja!!! Bei den Nachbarn klingeln. Und zwar für jede Zutat bei einem anderen.
Und dabei denke ich natürlich keine Sekunde daran, dass es immer noch morgens um vier ist; mich hat der Ehrgeiz gepackt.
Links von mir, bei der grummeligen alten Frau Dornbusch, klingele ich zuerst.
Die Klingel, die natürlich auch mit dem Internet verbunden ist und mit einer Künstlichen Intelligenz ausgestattet, fragt mich:
"Meinst Du wirklich, es ist eine gute Idee, mich zu drücken?”
Frau Dornbusch hat ihr Hörgerät ausgeschaltet und eine Schlaftablette genommen. Da ist nix zu machen.
Ah gut, dann durchs Fenster rein. Heiße Sommernacht, und keiner wird was merken. Die hat doch da diese riesige alte Speisekammer, da wird sich schon das Richtige finden. Und wenn sie sich selbst taub und stumpf gemacht hat, sollte es doch klappen.
Habe leider keinen Augenblick daran gedacht, dass sie diesen großen Hund namens Rudi hat, der mir jetzt zähnefletschend gegenübersteht.
"Ruhig Blut", denke ich mir und gehe langsam auf das Tierchen zu.
Wenn ich es schaffen würde, an die Leckerli-Schublade zu kommen ohne dass Rudi losbellt, wäre die Sache erledigt. Nur die Schublade befand sich im Schrank HINTER dem Hund.
Was hatte ich da mal gelesen? Intelligente Tiere suchen Blickkontakt und zeigen dann durch Pointing was sie wollen. Vielleicht funktionierte es auch anders herum?
Aber da habe ich mich bei Rudi getäuscht. Nichts zu machen mit Pointing und Intelligenz.
Alles rückwärts und über den Fenstersims gehechtet! Das war also erst einmal nix.
Was ist also mein nächster Schritt?
Und vor allem, was genau suche ich eigentlich?

Also: nochmal einen Blick auf das seltsame Rezept:

1x Ananas
2x Paprika (grün)
eine Prise Stechpalme
einen halben Liter Ouzo
Brottrunk (Reformhaus)
einen Einhornhornspan (ca. 5 g)
und eine Alraunenwurzel
Dieses verwünschte Rezept bringt mich um den Verstand.
Was zur Hölle will mir mein PC damit sagen?
Ich werde es vermutlich erst wissen wenn ich das zusammen gebracht habe. Aber was dann? Trinken? Einreiben? Auf die Türschwelle schmieren?

Der Rauchmelder

Wie auch immer... Weiter zum nächsten Nachbarn!
Ehrlich gesagt, habe ich den noch nie zu Gesicht bekommen. Obwohl er schon mindestens so lange hier wohnt wie ich. Ich kenne nur seinen Namen: Peter Paul.

Sein Briefkasten wurde schon seit Wochen nicht geleert. Da dämmert mir, dass ich gehört habe, dass er im Gefängnis sitzt. Zum Glück hab ich vom Hausverwalter seinen Generalschlüssel bekommen, als er in den Urlaub geflogen ist.
Also rin in die Bude!
Ups - die Wohnung ist völlig leer! Und übrigens viel schöner geschnitten als meine. Muss ich mir merken. Aber zu holen ist hier nichts.
Aber vorher untersuche ich vorsichtshalber noch die Rauchmelder.
Der ist natürlich auch im Internet, als ich ihn berühre, lacht er hysterisch.
Kitzlig anscheinend...
"Rauchmelder, bist du in Ordnung?"
"Ja, schon, aber hör auf mich zu kitzeln. Was willst Du denn?"
"Ich suche hier verzweifelt nach diversen Zutaten. Kannst du mir weiterhelfen? Ich brauch zB nen halben Liter Ouzo, Ananas, grüne Paprika und ne Alraunenwurzel.
Bist du eventuell mit einem smarten Kühlschrank vernetzt?”
"Na sicher! Mit allen im Umkreis von 500 Metern! Mein Tipp: Probiere es bei Deinem griechischen Nachbarn im 2. Stock, bei dem findest Du mit Sicherheit den Ouzo und noch ein bisschen mehr von dem Zeugs!"
Also: nächste Station: Auf zum Griechen in den 2. Stock!
Die Tür steht praktischerweise offen, langsam gehe ich hinein, und was sehe ich?
Der griechische Nachbar liegt auf seiner Couch, schnarchend und ein leichter Geruch von Alkohol liegt in der Luft.
Und vor der Couch steht: Eine mehr als halbvolle Flasche Ouzo. Bingo!
Im Kühlschrank ist sogar noch eine Ananas! Außerdem finde ich zwei grüne Paprika...

Mir kommt ein Geistesblitz: Das griechische Wort Mageiros bedeutet Koch und Priester zugleich. Vielleicht ist er ein Magier und kann mir das Rätsel des Rezeptes lösen.
Leider ist er nicht wach zu bekommen.

Egal, dann fehlt noch:
eine Prise Stechpalme
Brottrunk (Reformhaus)
einen Einhornhornspan (ca. 5 g)
und eine Alraunewurzel

Die Stechpalme wächst vor der Haustür. Vielleicht doch ein Reformhaus suchen, das nachts um vier aufhat?! Schnell mal googlen wie so ein Ding aussieht. ... Ah ja, das ist also eine Stechpalme. Sieht man doch immer im Adventskranz. Eine Prise soll Wunder wirken ;-)

Die Alraune und der Hexenkessel

Aber Alraune wird schwierig. Ist das nicht was aus dem Märchen oder gibt es das wirklich? Wieder googlen. Ich muss bei Alraune immer an einen dampfenden Hexenkessel denken.

Vielleicht doch der grummeligen alten Frau Dornbusch von vorhin noch einen Besuch abstatten?
Hund hin oder her, ein bisschen wie eine Hexe kam sie mir irgendwie schon immer vor...
Könnte man dem Hund nicht vorher den Ouzo einflößen? Und von der Stechpalme naschen lassen?
Gesagt, getan, und der Hund tanzt Tango.
Ich denke bei mir: “Ich vermute ja fast, dass letztendlich nur die Alraune wichtig ist. Und um da ranzukommen, benötigt man die anderen Zutaten.”
Wie auch immer: jetzt wo der Hund aus dem Weg ist, rein in die Wohnung.
Die Alte hat wirklich ein ganzes Lager an Kräutern in der Bude und: einen Hexenkessel in der Küche.
Aus dem Schlafzimmer hört man sie schnarchen...
Es klappert auch nur ein bisschen als ich den Kram nehme und über den verwirrten Hund steige. Jippieh. Geschafft!
Einhorndings und Brottrunk fehlen noch. Oder wie braut man den selbst? Dauert vermutlich zu lange. Wieder Googlen. Ja, dauert...
Erst mal nen Schluck Ouzo. Muss aber laut Rezept ein halber Liter übrig bleiben.
Ich erinnere mich an meinen vernetzten Kühlschrank... Zumindest den Brottrunk ordere ich darüber. Soll erst in 3 Tagen geliefert werden. Mist.
Einhornspäne geben Kühlschränke auch nicht her. Da fällt mir ein, dass im Jagdhaus um die Ecke ein Hirschgeweih hängt. Könnte ja vielleicht als Ersatz für Einhorn dienen.
Ist ein Versuch wert, ist zwar immer noch ziemlich früh morgens, aber wegen einem Einbruch mehr oder weniger machte ich mir sowieso keinen Kopf mehr.
Auf zum Jagdhaus und rein da!
Beim Abreißen des Geweihes wird der Jägermeister wach, und...will mir nachsetzen. Doch sein smartes Zuhause ist auf meiner Seite hilft mir. Die Haustür schlägt genau nach mir zu und sperrt ihn ein. Da es keine Klinke mehr gibt muss er erst sein Mobiltelefon holen um den Entsperrcode einzugeben und einen Fingerabdruck zur Identifikation ablesen lassen... Ja, gut für mich.
So langsam komme ich in Fahrt, wird schon hinhauen mit dem Geweih anstatt dem Einhorndings... Fehlt nur noch der vermaledeite Brottrunk.
Dann komme ich an einem Glascontainer vorbei. Ich kann mein Glück kaum fassen: Ich sehe eine Flasche Brottrunk. Schmeckte wohl nicht und wurde hier fast voll abgestellt.
Ist der noch haltbar? Aber vielleicht spielt das keine Rolle... Vielleicht wirkt ja der Ouzo desinfizierend.
Aber eigentlich habe ich nicht vor, das Ganze Zeugs am Ende zu trinken. Oder zu essen?
Egal, zurück zum heimischen PC.
Dabei komme ich auf den Gedanken, dass der PC mich vielleicht nur zur Erschaffung eines neuen Menschen animieren wollte. Vielleicht soll dieses Rezept dazu dienen?
Eine Art Homunculus, dazu auch die blöde Alraune?
"Alles ziemlich schlüssig" denke ich mir und nehme noch einen kleinen Schluck Ouzo, nicht Brottrunk.

Als ich wieder in meiner Wohnung bin und den PC danach frage, lacht er nur und meint verschmitzt: Hast du nicht vom Golem gehört?
Ich habe dich nur auf die Reise geschickt, um zu beweisen, dass dies der Mensch auch ohne Künstliche Intelligenz schaffen kann.

Der Schaffensvorgang hat also zwei Seiten, denke ich mir.
Aber wer ist hier wessen Werkzeug?
Denn vermeintlich übernatürliche Größe macht das Geschaffene gefährlich.
Und vor Verantwortung habe ich mich bisher immer erfolgreich gedrückt.
Ich glaube, der Ouzo macht mich zum Genie. Also noch einen Schluck!

Und bald liege ich so selig schlummernd wie der Grieche vorhin auf dem Sofa. Und schalte den Computer einfach ab.
In einer Stunde muss ich aufstehen und zur Arbeit gehen.
"Wird wohl einer der eher unproduktiven Arbeitstage werden" denke ich mir, bevor ich wegdöse.

PDF icon Die Geschichte zum Download.

Hour of Code:

Bei der Hour of Code, einem ersten spielerischen Programmiereinstieg für Kinder, wurden insgesamt 637 Zeilen Code geschrieben.

Feedback:

"Wir würden gern noch mehr übers Programmieren lernen."

"Ich habe zwar schon ähnliche Sachen wie scratch ausprobiert, aber das hier war das erste Mal, dass ich eine wirkliche Aufgabe hatte und eine Lösung für ein Problem finden musste."
"Ich habe gelernt wie man programmiert."

"Manche Aufgaben waren leicht, bei anderen musste ich ganz schön rum probieren."

Digitale Lesung für Kinder

Die digitale Lesung für Kinder mit Benjamin Tienti "Unterwegs mit Kaninchen" ist noch bis zum 20. Juli abrufbar.

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